Schule auf Reisen

Acht Wege Deine Kinder auf einer Langzeitreise zu beschulen

Habt Ihr Euch entschieden mit Euren Kindern im Schulalter auf Reise zu gehen, stellt sich bald die Frage ob und – wenn ja – wie Euer Kind beschult werden soll. Verlässt man in diesem Falle die fest vorgegebene Schulstruktur vom “deutschen” Zuhause, ergeben sich auf einmal ganz viele Möglichkeiten der Bildung. Ihr solltet wissen, dass es hier kein besser oder schlechter gibt und auch kein richtig oder falsch. Jeder Mensch und jede Familie ist individuell und muss es für sich entscheiden. Diese Entscheidung hängt ganz stark von den Ansichten der Eltern und dem Charakter der Kinder ab. Manche brauchen feste Lehrpläne, Zeiten sowie Aufgaben und andere kommen nicht mal mit wenig Druck oder Prüfungssituationen zurecht.

Das Gute ist: Habt Ihr es geschafft, Eure Schulkinder von der Schulpflicht zu befreien oder zu beurlauben, könnt Ihr die Bildung nach Euch und vor allem nach dem Bedarf Eurer Kinder richten. Ganz wichtig ist es zu diesem Thema in Ruhe den Kindern die möglichen Wege über eine längere Zeit vorzustellen. Denn wenn ein Kind das nicht anders kennt, als zwischen 8 und 14 Uhr frontal von einer fremden Person gegen die Schulbank gedrückt zu werden, wird es vorerst nicht nachvollziehen können, dass es auch andere Möglichkeiten gibt und auf einmal selbst mitbestimmen darf, wie und was es lernt. Diese Erfahrung mussten wir leider selbst mit unseren Kindern machen und waren gleichzeitig mit der Recherche nach den Bildungsmöglichkeiten überfordert. Aus diesem Grund möchten wir Euch hier möglichst viele Formen der “schulischen” Bildung von Kindern auf Reisen vorstellen.

1. Kooperation mit der heimischen Schule

Ist die Reise von vorne auf eine bestimmte “kurze” Zeit wie z.B. 3 bis 12 Monate beschränkt, könnt Ihr Eure Kinder von der Schule beurlauben lassen und eine Kooperation mit der Schule anvisieren. So können Euch die daheim gebliebenen Lehrer mit Lehrmaterial versorgen, das Ihr selbst Euren Kindern vermittelt. Nach der Rückkehr nach Hause können alle weitermachen wie gehabt. Sind alle beteiligten genug engagiert, funktioniert der Austausch wunderbar und Ihr könnt Euch gemeinsam mit dem Stoff befassen wann und wo Ihr möchtet. Aus Erfahrung können wir sagen, dass der anfängliche Elan der Lehrer sehr schnell abflachen und sich dieser Weg schnell im Sande verlaufen kann. In diesem Fall verbringt man viel Zeit mit E-Mailverkehr, der spontanen Recherche nach Material oder geht zur nächsten Möglichkeit über:

2. Einfach “nix” machen

Während der 3 bis 6 Monate verpasst Euer Nachwuchs auch nicht wirklich viel, was es später bei Bedarf nicht nachholen könnte und lernt dafür sehr viel andere Sachen auf der Reise, die es sich sonst nur aus Büchern erlesen könnte. Zumal ist häufig der wichtigste Grund einer Familienreise das Zusammenfinden und die gemeinsame Zeit als Familie. Also ärgert Euch nicht, wenn die Kooperation mit der heimischen Schule nicht so richtig klappt. Lasst sie mit anderen Kindern in fremder Sprache spielen und geht auf Ihre Fragen ein, die sie brennend interessieren!

Wie beschule ich meine Kinder auf einer Open-End-Reise?

Sollte Eure Familienreise doch länger dauern oder das Ende sogar unbestimmt bleiben, wird es an der Zeit, sich über ein Beschulungskonzept Gedanken zu machen. Denn ohne festes Ende oder bei einem Plan über mehrere Jahre zu reisen, wird die heimische Schule kaum Lust haben sich solch ein “Klotz ans Bein zu binden”. Keine Sorge, wenn Ihr Euch für ein Konzept entschieden habt, muss es nicht zwangsläufig dabei bleiben. Ihr seid ja frei zu entscheiden, doch manche kosten halt Geld und zwar nicht wenig.

3. Schultagebuch für Kinder beruflich Reisender

Seid Ihr beruflich fast ausschließlich auf dem deutschen Gebiet regelmäßig unterwegs z.B. als Schausteller- oder Zirkusfamilie, gibt es ein länderübergreifendes Programm. Dieses basiert auf der Kooperation Eurer Stammschule, der sogenannten Stützpunktschulen an Eurem jeweiligen Aufenthaltsort und einer Bereichslehrkraft, die den Lernprozess zusätzlich begleitet

4. Deutsche Schulen im Ausland

Solltet Ihr vorhaben für eine längere Zeit an einem Ort im Ausland zu verweilen, lohnt es sich zu überprüfen, ob es in der Nähe eine anerkannte deutsche Schule gibt. Davon gibt es nämlich 137 weltweit. Diese Schulen werden allerdings zum Teil privat finanziert und kosten somit eine Gebühr. Die Schule, die wir auf Teneriffa in Betracht gezogen hatten, hätte ca. 340€ pro Kind und Monat gekostet. Allerdings hätte man gleich das Kind für mindestens ein Jahr einschreiben müssen.

5. Fernschulen auf Reisen

Unter gewissen Umständen kann man sein Kind an einer deutschen Fernschule anmelden. Diese privaten Schulen funktionieren recht klassisch und bieten Stoff von der Vorschule bis zum Abitur. Zum Anfang des Schuljahres (oder Halbjahres) erhaltet Ihr ein Paket mit allen Büchern, Heften und sonstigem Schulmaterial, wie Blöcke, Stifte, Tuschkasten … Für jedes Fach gibt es dann noch den “Lehrer” als Begleitheft und einen Stundenplan. Nach diesem Plan sollen dann die Kids nach und nach alles abarbeiten und werden regelmäßig geprüft. Je nach Klassenstufe soll sich das Kind mithilfe des “Papierlehrers” alles selbst erarbeiten. Natürlich geht dies mit steigender Klassenstufe immer besser, wobei wir sicher sind, dass ohne Lernhilfe es niemals funktionieren kann. Wer da digitale Medien und multimediale Unterrichtsformen oder Lernvideos erwartet, wird schnell enttäuscht. Man erhält eine gefühlte Tonne Papier und bestenfalls ein Paar CD´s!!! Schriftliche Prüfungen werden ebenfalls aufm Papier durchgeführt und dann eingescannt. Mündliche Prüfungen werden durch Audioaufnahmen realisiert. Dieses wird dann per Mail oder auf dem klassischen Weg per Post an die Schule geschickt und man erhält eine ausführliche Begründung der Notenaufstellung.

Diese Schulen sind privater Natur und kosten Geld. Je nach Schule und Klassenstufe beläuft sich das Schuljahr auf 2300€ bis 6000€.

6. Online Schulen für reisende Familien

Durch die prekäre deutsche Schulsituation der letzten pandemischen Jahre sind Online-Schulen wie Pilze nach dem Regen gewachsen. Das Angebot reicht von einem klassischen Schulalltag an dem die Kids zu bestimmten Uhrzeiten vor dem Rechner sitzen und “frontal” unterrichtet werden, über ein Portal von Lernvideos bis zu einer freien Form der Begleitung ihrer selbst gewählten Projekte. Gemeinsam haben diese Online-Schulen, dass sie bislang nicht staatlich anerkannt sind und man somit kein offizielles Zeugnis bekommt. Des Weiteren kosten sie natürlich alle Geld. Pro Jahr kosten solche Schule je nach Angebot und Klassenstufe zwischen ungefähr 1000€ und 6000€ pro Kind.

7. Das Prinzip des Freilernens

Dauerhaft reisende Familien oder auch “Aussteiger” entscheiden sich nicht selten für das sogenannte Freilernen bzw. Unschooling oder Worldschooling. Nach diesem Prinzip lernt das Kind aus seinem inneren Interesse und von seinem Umfeld die Inhalte, die es gerade lernen möchte. Feste Zeiten und Themen gibt es dabei nicht. Die Begleitung ist so unterschiedlich wie die Charaktere der Kinder. Je nach Bedarf des Kindes kann man ihm sowohl klassisches Schulmaterial, als auch einen temporären Lehrer oder aber alternative Informationquellen anbieten.

...und wie beschulen wir nun unsere Kinder?

8. Das Yafekama-Prinzip

Nach dem schnellen Scheitern einer anfänglichen Kooperation mit der heimischen Schule während des ersten Reisejahres und der absoluten Enttäuschung von der Herangehensweise zweier staatlich anerkannten Fernschulen, haben wir nun das Ruder komplett selbst in die Hand genommen. Wir nutzen den Vorteil von Majkas engagierter Expertise als Lehrerin und erstellen gemeinsam mit unseren Kindern ein Programm zusammen. Dabei beachten wir zwei Punkte: Die Lehrpläne der entsprechenden Klassenstufe und die Interessen der Kinder. Da z.B. Mathematik, Deutsch und Fremdsprachen Fächer sind, die kontinuierlich auf den Vorjahren aufbauen, halten wir uns hierbei strenger an die Lehrpläne, um unseren Kindern einen eventuellen zukünftigen Wiedereinstieg in das klassische Schulsystem zu garantieren. Des Weiteren sind es auch die Fächer, die als Basis dienen um sich in der Zukunft jedes Thema selbstständig anzueignen.

Die Erfahrung aus unserer Schulgeschichte hat uns gezeigt, dass der Lerneffekt der anderen Fächer wie zum Beispiel Geschichte und Naturwissenschaften einzig und allein vom Interesse des Kindes abhängt ist und die Themenbereiche unabhängig voneinander vermittelt werden. Ein Beispiel hierzu wären Thermik, Elektrotechnik und Mechanik im Fach Physik oder Genetik, Sexualkunde und Botanik im Fach Biologie. 

Ganz nach dem Motto…

„ein Elektriker muss weder einen Verbrennungsmotor reparieren oder die Pflanzengattung während eines Waldspaziergangs bestimmen können, um ein guter Elektromeister zu werden”

…konzentrieren wir uns bei diesen Fächern stärker auf das Interesse der Kinder. Hierbei zeigen wir Ihnen zu welchen Themen sie mehr erfahren könnten und bereiten Materialien entsprechend ihrer Interessen vor. Man könnte so sagen, dass wir einen Weg zwischen Lehrplänen und Freilernen eingeschlagen haben. Somit sorgen wir dafür, dass unsere Kinder gerne lernen.

 

Majka & Kamil

Wir haben 2020 unsere Kinder aus der Schule ins Wohnmobil gepackt und begleiten sie beim selbstständigen Lernen, während wir Europa bereisen. Hier schreiben wir über unsere Erfahrungen vom Ausbrechen und vom Leben auf 10m² als Familie mit “großen” Kindern, wobei uns die Unterstützung von Eltern bei der Lernbegleitung am Herzen liegt.

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